Chancenpate sein bedeutet, eine geflüchtete Familie in ihrem neuen Leben in Deutschland zu begleiten. Die Paten stehen Familien, die ihr Heimatland verlassen haben, bei Alltagsfragen zur Seite, teilen Freud und Leid mit ihnen und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Integration. Das Projekt richtet sich an Geflüchtete in der Verbandsgemeinde Montabaur, ist aber grundsätzlich für alle offen, die im Alltag Orientierung, Unterstützung oder einfach Begleitung brauchen. Dabei sind sie nicht allein, sondern können sich mit anderen Chancenpaten austauschen und werden vom Integrationsbüro der VG Montabaur unterstützt.
In dieser Porträtserie stellen wir Paten vor und zeigen, wie aus ehrenamtlicher Unterstützung für Mentees die Chance entsteht, Schritt für Schritt ein neues Leben aufzubauen.
Chancenpatin: Caroline Albert-Woll aus Montabaur
Betreut: Eine Familie aus Syrien
Seit: 2024 bis heute
Der Beginn
„Jeder hat eine Meinung über Flüchtlinge. Aber immer nur zusehen, kritisieren und selbst nichts tun, das hat mir nicht gereicht.“ So beschreibt Caroline Albert-Woll den Beginn ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Als im Sommer 2024 eine syrische Familie in Montabaur ankommt, übernimmt sie die Patenschaft. „Die Menschen sind hier für ein Leben in Sicherheit - und dafür müssen wir Möglichkeiten haben.“
Sprachkenntnisse sind der Schlüssel
Erst einmal ging es darum, Deutsch zu lernen, denn beim ersten Treffen konnte sie sich mit der Familie nur auf Englisch unterhalten. Die drei Söhne lernten die Sprache vorwiegend in der Schule bzw. der KiTa. Die Eltern besuchten Sprachkurse und wollen im Herbst die B2-Prüfung (selbstständige Sprachverwendung) ablegen. Danach sieht Albert-Woll ihre Hauptaufgabe darin, für beide Eltern einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden. „Beide haben studiert und sind gut qualifiziert“, sagt sie.
Chancenpaten sind das Gesicht nach außen
Regelmäßig einmal pro Woche besucht sie die Familie für ein bis zwei Stunden. Dann sprechen sie über lebenspraktische Dinge. „Ich muss nicht rund um die Uhr ansprechbar sein. Meine Mentees sind gebildete Menschen, die sich auch selbst zu helfen wissen“, erzählt Albert-Woll. „Ich möchte der Familie das Gefühl vermitteln, dass sie hier Fuß fassen können.“ So hat sie Mutter Subhieh die Möglichkeit gegeben, in einem VHS-Kurs die syrisch-arabische Küche vorzustellen. Darüber hinaus hilft die Chancenpatin bei Arztterminen oder Gesprächen in der Schule. „Ich gestalte das Verhältnis so herzlich, aber auch so professionell wie möglich.“ Denn es steht nicht fest, ob die Familie dauerhaft in Deutschland bleiben kann. Das ist auch für Albert-Woll eine Herausforderung. „Wir Chancenpatinnen sind ja auch ein bisschen das Gesicht nach außen. Wie fühlen sich Menschen, wenn sie merken, dass sie hier nicht gewollt sind?“
Ihre Söhne sollen vorankommen
Die Chancenpatin hat von der Familie sehr viel über Syrien gelernt. Der Staat sei momentan vielleicht nicht funktional, das Volk hat aber eine große Kultur und Geschichte. „Ich habe Bilder aus Damaskus gesehen. Es ist eine Stadt, die ich irgendwann gerne besuchen möchte mit tollen Gebäuden wie aus 1001 Nacht, mit Märkten, auf denen man Kräuter und Gewürze kaufen kann.“ Das Land hat viele unterschiedliche Gruppen und Kulturen.
Auf die Kindererziehung legen die Eltern großen Wert. Sie möchten, dass die Söhne ihre Hausaufgaben machen und vorankommen. Jeder hat seine Pflichten im Haushalt. Ein respektvoller Umgang miteinander ist ihnen wichtig. „Die Jungs sind hilfsbereit und sehr interessiert an allem. Sie fragen auch nach meinen Kindern, deren Studium und ob ich sie vermisse.“ Zur Schule laufen die Kinder zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad.
Ausbildung ist wichtiger als Herkunft
Mittlerweile hat sich eine Freundschaft entwickelt. Das macht Albert-Woll vor allem an den Themen fest, über die sie heute bei ihren Besuchen sprechen. „Anfangs habe ich mit den Kindern Deutsch gelernt. Heute reden wir über Politik, Kindererziehung und tauschen uns über den Alltag aus.“ Es ist wichtig für die Familie, dass sie das Gefühl haben, ihr vertrauen zu können. Das spüre sie nicht nur bei der herzlichen Umarmung zur Begrüßung.
Ein weiteres Fazit von ihr: „Es hängt viel daran, welche Ausbildung man hat, nicht so sehr, aus welchem Land man kommt.“ Sie ist fest davon überzeugt, dass beide Eltern gute Chancen für einen Job hier haben. Einen Praktikumsplatz für Subhieh hat sie bereits organisiert. „Sie geben mir viel zurück. Aber sie tun es auf ihre Art.“ So wird sie stets köstlich bewirtet, wenn sie bei der Familie ankommt. „Es ist ein Geben und Nehmen.“
So verschieden sind wir dann doch nicht
Albert-Woll hat Vorurteile abgebaut. „So verschieden sind wir dann doch nicht. Ich kann diese ehrenamtliche Arbeit nur empfehlen. Wir haben so viele Kulturen im direkten Umfeld - Tür an Tür - und wir wissen das gar nicht zu schätzen. Wir könnten so viel erfahren und lernen, mehr als in jedem Urlaub.“ Eine Chancenpatenschaft gibt viele Impulse, über das eigene Leben nachzudenken und es wertzuschätzen. „Da ist eine Familie mit drei kleinen Kindern, die nicht weiß, wie lange sie hier wohnen bleiben darf, nicht einmal für das nächste Jahr planen kann. Sie jammern nicht, sie beschweren sich nicht. Sie nehmen es hin“, sagt Albert-Woll. „Ich wünsche mir, dass sich viele Menschen finden, die den Mut haben, Chancenpate zu werden.“
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