
„Obwohl Sespenroth von der Landkarte verschwunden ist, wird es durch diese wunderbare Rekonstruktion nicht aus unserer Erinnerung verschwinden“, sagt Ed Rosenthal, ein direkter Nachfahre der Sespenrother Familie Meuer. Mehr als 170 Jahre nach der Auswanderung der Dorfbewohner berührt ihn die Geschichte seiner Vorfahren noch immer.
Mitte des 19. Jahrhunderts verloren viele Menschen im Westerwald ihre Lebensgrundlage. Industrialisierung, schlechte Ernten und Armut zwangen zahlreiche Familien zur Auswanderung. Auch die Bewohner von Sespenroth fassten 1853 einen mutigen Entschluss: Mit nur zwei Handkarren verließen sie ihre Heimat und machten sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten, wo sie auf ein besseres Leben hofften.
„Heute können Besucher die verschwundene Siedlung wieder vor Ort erleben“, freut sich Projektleiterin Karin Maas von der Verbandsgemeinde Montabaur bei der Eröffnungsfeier über das neue Highlight am Wanderweg GelbACHTrail. Mithilfe einer App auf dem Smartphone- oder Tablet erscheinen die historischen Gebäude nun virtuell an ihrem ursprünglichen Standort.

„Wir visualisieren, was heute nicht mehr da ist“, erklärt Archäologe Sascha Schmitz, Geschäftsführer der Firma ARGO. Mit seinem Team hat er das Dorf virtuell rekonstruiert. Hierzu waren umfangreiche Recherchen notwendig. Da nur zwei historische Fotografien der Gebäude existieren, wurden zusätzlich Freilichtmuseen und historische Vergleichsobjekte ausgewertet, um ein möglichst authentisches Bild des Dorfes entstehen zu lassen. QR-Codes an der neuen Infotafel führen zur bildlichen Darstellung und zu den beiden Hörspielen.
„Wie haben sich die Einwohner wohl gefühlt?“, fragt sich Tobias Panne, Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Montabaur. Die Menschen mussten nicht nur ihre Heimat verlassen, sondern auch ihre Geschichte, ihren Besitz und ihre Sprache hinter sich lassen. Antworten darauf geben vielleicht zwei Mini-Hörspiele der Firma Lindner und Steffen. Sie lassen die Besucher in die Gedankenwelt der Menschen von damals eintauchen: Ein Großvater erklärt seinem Enkel die schwierige Situation im Dorf, während eine Mutter ihrem Kind unter Deck des Auswandererschiffes „Leander“ Mut zuspricht.

Ortsbürgermeister Manfred Hesse freut sich, dass Sespenroth, das heute zu seiner Gemeinde Heilberscheid gehört, auf diese Weise wieder aufersteht. „Geschichte existiert nicht nur in Büchern. Hier können wir sie eindrucksvoll sichtbar machen.“ Zusammen mit der Kirmesgesellschaft Heilberscheid, den Gelbachtaler Musikanten und vielen weiteren freiwilligen Helfern hat er eine stimmungsvolle Eröffnungsfeier auf die Beine gestellt. Nach einer Andacht und der Segnung der neuen Besucherstätte durch den Nentershausener Pfarrer Braun, gab es Bratwürste und eine typische Westerwälder Spezialität zur Stärkung: Dippekuche mit Apfelmus.
Mit der neuen AR-Station am GelbACHTrail wird ein Stück Westerwälder Geschichte wieder sichtbar – und für kommende Generationen erlebbar. So freut sich der 11-jährige Mica: „Das ist cool, denn es ist vor Ort und nicht so weit weg.“
Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 22.000 Euro. Den Löwenanteil trägt die VG Montabaur im Rahmen des „Masterplans Gelbachtal“. Der Naturpark Nassau fördert das Projekt mit 2.000 Euro.
Ein besonderer Dank gilt posthum Guido Feig, ohne dessen Engagement das Projekt nicht entstanden wäre. Die Geschichte der Sespenröther ließ ihn nicht los. Auf eigene Initiative reiste er in die USA, durchsuchte Archive, Kirchenbücher und historische Dokumente und verfolgte die Spuren der Auswanderer über Generationen hinweg. „Stück für Stück hat er das verschwundene Dorf wieder zusammengesetzt“, sagt Ed Rosenthal. „Ohne ihn ständen wir heute nicht hier.“ Den Dank nahm seine Witwe Erika entgegen.

Sespenroth digital entdecken
Am GelbACHTrail bei Heilberscheid können Besucher das verschwundene Dorf Sespenroth mithilfe von Augmented Reality neu entdecken. QR-Codes auf zwei Informationstafeln am ehemaligen Dorfstandort führen zur ARGO-App mit der virtuellen Rekonstruktion sowie zu zwei Mini-Hörspielen über die Auswanderer von 1853. Weitere Informationen bietet ein kostenloser Flyer, der in der Tourist-Info Montabaur erhältlich ist.


